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Westfalen – Ein Reiseführer für Rhein- und andere Ausländer

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Endlich liegt er vor: der Reiseführer Westfalen. Warum es ihn gibt? Weil Westfalen Terra Incognita ist, unbekanntes Land – zumindest im Rheinland. Westfalen? Wer sind sie, wie, und vor allem: Wo? Eine Straßenumfrage in Köln lieferte erschütternde Ergebnisse …

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Jetzt aber mal ohne Spökes, wie die West-Westfalen sagen – also die Ost-Ruhrgebietler: DAS ist Westfalen. Von Burbach im Süden bis Rahden im Norden, von Isselburg im Westen bis Höxter im Osten. Und so ungefähr in der Mitte: Hamm. Ein Gebiet, das etwas mutwillig zusammengestückelt scheint. Wie das kam, erfahren Sie im Kapitel „Geschichte Westfalens“.

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Das, was heute Westfalen ist, entstand 1815. Napoleon war geschlagen, und die Siegermächte trafen nach zwei Jahrzehnten Krieg in Wien zusammen: Russland, Österreich und Preußen, Großbritannien und Frankreich. Zu den Beschlüssen des Wiener Kongresses gehörte auch, den vormaligen Flickenteppich der westfälischen Territorien dem Königreich Preußen zuzuschlagen. Das war die Geburt der Provinz Westfalen. Erstmals entstand ein klar abgegrenzter politischer Raum. Zwar wurde Westfalen 1946 ein Teil Nordrhein-Westfalens. Der westfälische Teil entspricht jedoch noch immer den Grenzen, die nach dem Wiener Kongress verhandelt wurden.

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Ludwig Freiherr Vincke war der erste Oberpräsident der neu gegründeten Provinz Westfalen. Er hatte die undankbare Aufgabe, aus den verschiedenen Ämtern und Institutionen mit ihren unterschiedlichen Traditionen eine einheitliche Verwaltung zu gestalten und die neuen Landesteile zu integrieren – eine Aufgabe, die er engagiert und pflichtbewusst meisterte. Fast 30 Jahre lang wirkte er an der Spitze Westfalens wie ein „guter Vater“. Er wohnte im barocken Schloss zu Münster, blieb den Westfalen jedoch als „echter, rechter Mann des Volkes“ und „liebenswürdig auch gegen die Ärmsten“ in Erinnerung. Viele Schulen, Straßen und Plätze in Westfalen tragen seinen Namen.

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Eine Maschinenbau-Fabrik mitten in einer ehemaligen Burg. Industrialisierung statt feudaler Herrschaft – ein Bild mit Symbolkraft. Friedrich Harkort war ein früher Pionier der industriellen Revolution. Im Jahr 1819 hatte er in Wetter die ehemalige Burg der Grafen von der Mark für 2010 Taler gekauft und dort, 40 Meter über der Ruhr, seine „Mechanischen Werkstätten“ gebaut, um Dampfmaschinen herzustellen. Schon bald galt die Harkortsche Fabrik als Maschinenbau-Musterbetrieb in Preußen. Harkort setzte sich vehement für einen Eisenbahnanschluss ein, von dem seine Nachfahren noch stark profitierten. Johann Caspar Harkort leitete später das größte und leistungsstärkste Brückenbauunternehmen Europas.

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Noch immer ist die Industrie in Westfalen stark – aber längst nicht mehr beherrschend. In Fabrikhallen wird heute Theater gespielt, auf einst verbotenen Industrie-Arealen gewohnt, gewandert, Sport getrieben. Mancherorts bleiben die Spuren der Vergangenheit sichtbar, mancherorts werden sie einfach weggeschwemmt. Kaum irgendwo ist das so gut sichtbar wie am Dortmunder Phoenixsee: 150 Jahre lang wurde Stahl gekocht, wo heute die renaturierte Emscher auf einen künstlich angelegten See trifft. In der Hörder Burg, einst Verwaltungssitz des Stahlwerks, bilden sich demnächst Bankkaufleute weiter. Das ist er, der Strukturwandel.

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Das ist eine Kartoffel. Was sie mit Westfalen zu tun hat, davon erzählt noch bis Ende Februar 2016 sehr unterhaltsam und anekdotenreich die Ausstellung „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“ im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Es geht um Geschichte und Gegenwart Westfalens, um Selbstverständnis und Klischees, um Wirtschaft und Wandel, Tierisches und Traditionelles.

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Wenn Sie nach Westfalen reisen, werden Sie auf ihn treffen: den Westfalen. Und wie ist der so? Vorurteile und Klischees über ihn gibt es eine Menge, man kann sie nachlesen. „In großen Hütten, die man Häuser nennt, sieht man Tiere, die man Menschen nennt, auf die herzlichste Weise von der Welt mitten unter den anderen Haustieren wohnen“, ätzte Voltaire. Heinrich Heine beschrieb freundlich-ironisch: „Sie fechten gut, sie trinken gut, / Und wenn sie die Hand dir reichen /
Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie; / Sind sentimentale Eichen.“ Moderner die Charakterisierung des Dortmunder Autors und Kleinkünstlers Fritz Eckenga. Sein Gedicht trägt den bezeichnenden Titel „Gottes langsamste Schöpfung: Westfalen“. Es beginnt so: „Als der Herr Westfalen machte, / Setzte er sich hin und dachte:/ „Heut mach ich mir keine Sorgen / Und Westfalen mach‘ ich morgen“

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Versteht man sie denn überhaupt, die Westfalen? Am besten ist es in jedem Fall, sich vor der Reise ein wenig einzuhören. Sauerländer, Siegerländer oder Münsterländer Platt, Ostfälisch und Westfälisch haben zwar nicht viel miteinander gemein, klingen für Rhein- und andere Ausländer jedoch auf jeden Fall unverständlich. Hier können Sie sich einhören. Auf jeden Fall nehmen sich die Westfalen selbst nicht zu ernst. Kabarettist Martin Risse ist Mitglied des „Geierabend“, der westfälischen Variante des Karnevals. Zu den beliebten Nummern gehört sein Auftritt als Schnöttentroper Schützenbruder.

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Wer in Westfalen über Westfalen und vor allem mit Westfalen lachen will, geht am besten zu den Bullemännern – ihre Tournee führt die beiden unter anderem nach Reken, Verl, Geseke und Everswinkel. Die beiden sind Urgesteine der westfälischen Comedyszene und fischen aus der Westfälischen Bucht verlässlich skurrile Situationen rund um Schützenfest und Feuerwehr. Hier gibt’s eine Probe.

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Als „Der tolle Bomberg“ aus dem gleichnamigen Film mit Hans Albers wurde er deutschlandweit bekannt: Gisbert Romberg II, Spross einer adeligen Industriellenfamilie. Einer seiner Vorfahren begann damit, im Ardeygebirge Bergbau zu betreiben und legte den Grundstein für anhaltenden Reichtum der Familie. Sein Großvater installierte auf der Bochumer Zeche Vollmond die erste Dampfmaschine. Gisbert profitierte als Haupterbe, als der komplette Zechenbesitz der Familie verkauft wurde – und verprasste die Kohle aus der Kohle. Seine teuren Hobbies und Festgelage machten ihn zum idealen Protagonisten vieler Legenden und Anekdoten, die in Josef Wincklers Roman „Der tolle Bomberg“ mündeten.

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Noch ein westfälisches Original: Prof. Dr. Hermann Landois. Sein Denkmal setzte er sich selbst; noch heute ist es im Allwetterzoo Münster zu sehen ist, dessen Vorläufer er gründete. Landois war geweihter Priester und Genussmensch, er promovierte in Zoologie und nahm als begnadeter Satiriker die Münsteraner Spießbürger, Akademiker und Kirchenvertreter auf die Schippe. Dank seiner genialen Marketing- und Fundraising-Qualitäten konnte er seinen Zoo schnell ausbauen. Trotzdem, er hatte einen Vogel, das sah er wohl selbst ein – und ließ den Zylinder seines bronzenen Standbildes als Nistkasten anfertigen.

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Es gab in seinem Zoo auch einen Berberaffen: Lehmann. Ob seine Studenten daran schuld waren oder Landois selbst – Fakt ist, dass Lehmann an einer „Säuferleber“ starb. Dass er nach seinem Tod ausgestopft und mit einer Flasche Dortmunder Bier in der Hand Landois‘ Haus schmückte, war nicht ungewöhnlich: Hermann Landois war auch Tierpräparator. Viel Anklang in ganz Deutschland fand seine Idee, ausgestopfte Tiere im Schulunterricht zu verwenden. Seine mehrbändige Reihe „Westfalens Tierleben“ wurde zum Standardwerk.

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Was essen die Westfalen? Schon wieder Heinrich Heine: „Mein Fritz lebt nun im Vaterland der Schinken, / Im Zauberland, wo Schweinebohnen blühen, / Im dunklen Ofen Pumpernickel glühen, / Wo Dichtergeist erlahmt und Verse hinken.“ Der Pumpernickel – dunkles Vollkornbrot aus Roggenschrot – ist eine westfälische Spezialität, über die man zumindest eine nette Sache sagen kann: Sie hält sich lange. Sehr lange.

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Die westfälische Spezialität schlechthin ist allerdings Pfefferpotthast, den die berühmte, aus dem westfälischen Wetter stammende Kochbuch-Autorin Henriette Davidis 1845 in ihr „Praktisches Kochbuch“ aufnahm. Das Rezept allerdings ist viel älter und hat mit einem entscheidenden Ereignis in der mittelalterlichen Dortmunder Stadtgeschichte zu tun. Die Geschichte erzählt Anja Hecker-Wolf, kulinarische Stadtführerin – und zeigt, wie so ein Pfefferpotthast eigentlich aussieht. Ob er schmeckt, ist, naja, Geschmackssache … Dazu passt auf jeden Fall prima ein Bier. Ein westfälisches selbstverständlich.

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Bis Ende des 19. Jahrhunderts tranken die Westfalen kaum Bier, sondern Schnaps. Doch dann begann der Siegeszug des westfälischen Biers. In den 1950er, 1960er Jahren wurde Dortmund zur Bierhauptstadt Europas. Heute existiert von den ehemals acht Großbrauereien – Bergmann, DAB, DUB, Hansa, Kronen, Löwen, Ritter, Stifts und Thier – nur noch die Actien-Brauerei. Sie gehört ebenso wie die Hövels Hausbrauerei zur August Oetker KG. Die zweite westfälische Bierregion ist das Sauerland, bekannt durch die Großbrauerereien Veltins und Warsteiner sowie Krombacher im angrenzenden Siegerland. Das Brauerei-Museum in Dortmund widmet sich der westfälischen Bier-Geschichte.

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Nordrhein-Westfalen ist bekannt für seine Wasserburgen – in keinem Bundesland gibt es so viele. Ein typisch westfälisches Exemplar steht inmitten grüner Parklandschaft in Havixbeck bei Münster: die Burg Hülshoff, das Geburtshaus der Annette von Droste-Hülshoff. Im Museum der Burg aus dem 11. Jahrhundert wird das Leben der Schriftstellerin aufgerollt, deren Hauptwerk im nahe gelegenen Rüschhaus entstand. Aber auch die obligatorische Ritterrüstung für die Kinder ist zu entdecken. Eine Audioführung dauert 40 Minuten.

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Die Möhnetalsperre hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Gebaut wurde sie 1913, um den wachsenden Wasserbedarf im Ruhrgebiet zu stillen – als damals größte Stauanlage in Europa, für die zwei Dörfer geflutet wurden. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Talsperre durch speziell für diesen Zweck konstruierte britische Rollbomben zerstört. Eine riesige Flutwelle bahnte sich im Mai 1943 ihren Weg bis ins 100 Kilometer entfernte Essen. Mehr als 1000 Menschen starben. Der Wiederaufbau erfolgte noch im gleichen Jahr. Heute ist der Möhnesee ein beliebtes Ausflugsziel. Neu eröffnet wurde zuletzt der Möhneseeturm. Aus 42,5 Metern Höhe blickt man nicht nur auf den Stausee und Teile des Naturparks Arnsberger Wald, sondern sieht auch den Haarstang-Höhenzug und an klaren Tagen sogar bis zum Teutoburger Wald.

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So sah es hier schon im 17. Jahrhundert aus: Die Altstadt von Freudenberg im Siegerland, genannt „Alter Flecken“, besteht komplett aus Fachwerkhäusern und hat es als „Baudenkmal von internationaler Bedeutung“ in den Kulturatlas des Landes NRW geschafft. Denn es existiert kein vergleichbarer historischer Stadtkern in Fachwerkbauweise. Auch das Künstlerpaar Berd und Hilla Becher war beeindruckt. In den frühen 1960er Jahren machten sie sich im VW-Bus auf, um das Siegerländer Fachwerk zu fotografieren – in jenem nüchtern-dokumentarischen Stil, der die beiden noch berühmt machen sollte. Die mehr als 350 Schwarz-Weiß-Fotografien aus dieser Serie etablierten die sachbezogene Objekt-Fotografie in der bildenden Kunst. Zu sehen sind die Fotografien im Siegener Museum für Gegenwartskunst.

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Burg Altena war schon: Wohnsitz von Grafen, Invalidenhaus für kampfunfähige Soldaten, Criminalgericht und Gefängnis, Armen- und Waisenhaus, Krankenhaus und Jugendherberge – sogar die erste Jugendherberge der Welt. Und heute? Gilt die vermutlich ab 1100 hoch über der Lenne errichtete Anlage als eine der schönsten Höhenburgen Deutschlands, die Touristen aus aller Welt anzieht. Bei ihrem Besuch kann man nicht nur der wechselhaften Geschichte ihrer Nutzungen, sondern auch der (Industrie-) Geschichte des Sauerlandes nachspüren. Gleich mehrere Museen befinden sich unter dem Dach der historischen Gemäuer: Weltjugendherbergsmuseum, Deutsches Drahtmuseum und das Museum der Grafschaft Mark, das die Regionalgeschichte bis in die Gegenwart thematisiert.

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Das Zentrum für Internationale Lichtkunst Unna ist das weltweit erste und einzige Museum, das sich ausschließlich der Lichtkunst widmet – und das an einem Ort, der dunkler nicht sein könnte: einem Keller, dem ehemaligen Brauereikeller der Lindenbrauerei. Weithin sichtbar ist das Museum durch seinen 52 Meter hohen Schornstein, an dem sich eine Lichtinstallation von Mario Merz befindet. Im Gewölbe und in den labyrinthischen Gängen und Gärbecken geht es prominent weiter: Dauerhaft versammelt sind Arbeiten von Joseph Kosuth, James Turrell, Mischa Kuball, Rebecca Horn, Christina Kubisch, Johannes Dinnebier, Keith Sonnier, Jan van Munster, François Morellet, Christian Boltanski und Olafur Eliasson. Der Besuch ist nur mit Führung möglich. Der Satz, den die Museumsführer am Ende wohl am häufigsten hören, lautet: „Wahnsinn – warum ist das Museum nicht längst weltberühmt?“ In Fachkreisen ist es das längst. In NRW und Westfalen gilt es noch immer als Geheimtipp.

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Idee und Text: Katrin Pinetzki
Produktion: K.WEST Verlag 2015

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Kapitel 1 Westfalen – Ein Reiseführer für Rhein- und andere Ausländer

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Kapitel 3 Die Geschichte

Die Geschichte

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Kapitel 4 Der Westfale

Der Westfale

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Kapitel 5 Essen und Trinken

Essen und Trinken

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Kapitel 6 Was Sie unbedingt gesehen haben sollten

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Moehnetal

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Ausflugstipps

Burg altena
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